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Angedacht  

 

 

Selten hatte ich mit so einfachen Mitteln solch ein starkes Aha-Erlebnis! „Der Herr ist mein Hirte“, so beginnt einer der bekanntesten Texte der Weltliteratur. Von Gott ist die Rede, über ihn sagt ein gläubiger Beter: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Generationen von Menschen haben aus diesem Gebet, dem 23. Psalm, Kraft und Trost geschöpft, ihn als Konfirmanden auswendig gelernt und das Leben lang im Herzen getragen. Im Pflegeheim bin ich Menschen begegnet, die nicht mehr reagieren konnten, wenn ich sie ansprach, aber bei den Worten dieses Psalms die Lippen bewegten. Ein himmlischer Text! „Er weidet mich auf grüner Aue und führt mich zum frischen Wasser“, so wird dieses Bild von Gott als dem guten Hirten weitergeführt.

 

Und dann heißt es: „Du deckst mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.“ Die Konfirmanden hatten sich Gedanken gemacht und diesen Psalm ausgelegt. „Du sorgst für mich und schützt mich, auch wenn die anderen mir Böses wollen.“ Und

für manch einen, der’s hört, ist das vielleicht wie ein schöner Traum: Gott bewirtet mich – und all die, die mir das Leben

schwer machen, müssen mit hängenden Bäuchen und feuchten Lippen dabei zusehen, wie ich es mir schmecken lasse.

 

Aber plötzlich – war’s Versehen oder Absicht? – kam das: „Du deckst einen Tisch für mich und meine Feinde.“ Ich war wie vom Donner gerührt. Sollte Gott uns etwa an einen Tisch laden, die wir das von selbst niemals täten? War das nur eine unbemerkte Fehlübersetzung des Verses oder war hier der Heilige Geist am Werk? Vielleicht ist es doch schon immer Gottes Idee gewesen, einen gedeckten Tisch in die Mitte von Menschen zu stellen, damit sie sich kennenlernen und Vertrauen gewinnen können?! Es geht nicht nur um die Frage, ob man mit einem Baschar el-Assad verhandeln darf, es geht darum, wie wir miteinander leben, im Dorf, in der Gemeinde zwischen den Höfen.

 

Und es müssen ja auch nicht die „Feinde“ sein: Ein gedeckter Tisch kann einfach helfen, Grenzen zu überwinden! Das Moritzburger Café International lädt Deutsche und Araber, Afghanen und Menschen aus aller Welt ein, sich bei Kaffee, Kuchen und Spielen kennenzulernen. Und wenn wir gemeinsame Gottesdienste feiern, laden wir anschließend zum Kaffeetrinken ein, dass Moritzburger und Reichenberger mit etwas Schönem auf Lippen einander kennenlernen können.

Und jetzt, wo die Grillsaison begonnen hat – was hindert’s, einmal mehr zu grillen, vielleicht mal mit den Nachbarn von hinten

drüben, die immer so merkwürdig sind …

 

Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Mai Ihr Pfarrer Freimut Lüdeking