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Angedacht

 

Als ich mir abends meine Bratwurst am Imbiss bestellte, sah ich ihn im Augenwinkel. Er musste schon lange auf der Straße leben: Haare, Bart und Kleidung waren verwahrlost, die Hand, in der er die Bierdose hielt, zitterte und sein Gesicht blickte mich von der Seite, leicht von unten an – spöttisch, so hatte ich das Gefühl, spöttisch musterte er mich, der ich da im feinen Anzug am Imbiss stand.

Unangenehme Situation, während ich auf meine Wurst wartete. Plötzlich sprach er mich an: „Glaubst du an Gott?“ Damit hatte ich nicht gerechnet. In mir begann es zu arbeiten: Wenn ich mich jetzt zu meinem Glauben bekenne, dann mache ich mich erst recht zur Zielscheibe für seinen Spott. Aber verleugnen kann ich meinen Glauben auch nicht. Also sagte ich schließlich mit möglichst fester Stimme: „Ja, das tue ich.“ Darauf sagte der Mann: „Hast du’s gut.“ Erst jetzt schaute ich ihn wirklich an – und sah, wie müde seine Augen waren.

Nein, ich habe das nicht selbst erlebt, aber seit ich diese Geschichte gelesen habe, lässt sie mich nicht mehr los. „Hast du’s gut!“

Das muss ich mir erst von diesem Mann ohne Obdach und Zukunft sagen lassen. Als könnte ich nicht selbst darauf kommen,

dass mein Glaube ein wertvoller Schatz ist, auf den ich in meinem Leben zurückgreifen kann! Ich denke, es ist gut, sich das immer mal wieder klarzumachen.

Es muss ja nicht so glaubensstark sein, wie es Hiob tut. Hiob, dieser Unglücksrabe, dem eine Hiobsbotschaft nach der anderen ins Haus flattert, dieser arme, fromme Mensch, der mit Gott und der Welt hadert und schließlich in einem langen Gespräch mit seinen Freunden diese starken Worte sagt: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Ein großes Bekenntnis gegen alles Leid der Welt. Nein, dieser Hiob taugt wohl nicht als geeignetes Vorbild für mich – er ist mir ein paar Nummern zu groß. Aber dieses kann ich mir doch immer mal wieder sagen – oder eben zusagen lassen: „Du glaubst an Gott? Hast du’s gut!“

 

Herzlich grüßt Sie Ihr Pfarrer Freimut Lüdeking