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Angedacht

 

 

Gerade erst losgefahren, knapp 600 Kilometer, sagt das Navi, etwa sieben Stunden Fahrt, plus Pipipausen. Nach zwanzig Minuten quäkt von der Rückbank die erste Kinderstimme:

„Wie lange dauert’s noch?“

Eine kleine Ewigkeit kann sich schon sehr, sehr lang anfühlen. Aber was sag ich: Ewigkeit – da spreche ich ein großes Wort gelassen aus. Ist mir doch schon die Zeitspanne unvorstellbar, die seit dem Ersten Weltkrieg vergangen ist. Und wie viel mehr die Jahrhunderte, die an mir vorbeiziehen, wenn ich ehrfürchtig vor dem alten Reichenberger Taufstein stehe – Jahrtausende gar beim Anblick eines stolzen Naturwunders wie dem Lilienstein. Und blicke ich erst in den Sternenhimmel … nein, für solche Gedanken ist mein armes Leben zu klein.

Der Monatsspruch aus dem Buch des Predigers Salomo spricht von der Ewigkeit. Dabei hat der Prediger gerade vorher die berühmten Worte von der Zeit gesprochen:

„Alles hat seine Zeit.“

Die Zeit umfasst das ganze Leben:

„Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit.“

Der Zeit gehören unsere Gefühle …

„Weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit.“

… ihr gehören unsere einfachsten Tätigkeiten …

„Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit.“

… und auch unsere existenziellsten Erfahrungen:

„Suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit.“

Sogar dem Lieben und dem Hassen gesteht der Prediger seine eigene Zeit zu.

„Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit“,

resümiert der Prediger, doch dann:

„… auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt.“

Ist es vielleicht das, was den Menschen vom Tier unterscheidet? Dass er nicht nur sich selbst erkennen, sondern auch sein

begrenztes Leben im Gegenüber zu einer möglichen Zeitlosigkeit wahrnehmen kann?

Ja, vielleicht kann der Mensch überhaupt nur deshalb einen „Draht“ zu Gott haben, weil der ihm „die Ewigkeit ins Herz gelegt“

hat! So gehört wohl beides zur menschlichen Existenz: Dass ich einerseits schrecklich begrenzt bin – meine Lebenszeit, meine

Möglich- und Fähigkeiten, mein Denken – aber andererseits „reif für die Ewigkeit“. Da kann ein Mensch aus einzelnen Farben

von der Palette so etwas erschaffen wie die Sixtinische Madonna, ein anderer eine Johannespassion komponieren, und noch jemand kann so lächeln, dass daraus neuer Lebensmut erwächst. Ja, „er hat die Ewigkeit in ihr Herz gelegt“.

Und doch leben wir mitten in der Zeit, im Hier und Jetzt. Nutzen wir also den Tag, dankbar für die von Gott geschenkte Zeit!

 

Herzlich grüßt Sie

Ihr Pfarrer Freimut Lüdeking