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Angedacht

 

Einer meiner Kollegen trägt meist, wenn ich ihn treffe, einen kleinen Anstecker am Revers – es scheint ein und derselbe zu sein, der wie ein Vexierbild zwei verschiedene Wörter sehen lässt, je nachdem, aus welchem Winkel man darauf blickt. Nur etwa einen Quadratzentimeter ist der Anstecker groß, so muss man schon genau hinsehen – und dann liest man „Zweifeln“, ein anderes Mal „Staunen“.

Ich vermute, er wird nicht selten darauf angesprochen. Ein Pfarrer, der in der Öffentlichkeit Werbung für das Zweifeln macht? Müsste da nicht eher etwas von unerschütterlicher Festigkeit im Glauben stehen? Von „fester Zuversicht“ und „Nichtzweifeln“, wie es der Monatsspruch aus dem Hebräerbrief ausdrückt?

Ich denke, dass das Zweifeln zum Glauben dazu gehört. „Zweifeln bedeutet, ernste Fragen an den eigenen Glauben zu stellen“, so habe ich gelesen. Ja, manchmal ist es wohl sogar so, dass erst der Zweifel den Glauben so recht ernst nimmt. Das sind nämlich keine frommen Worte sondern dahinter stecken Erfahrungen, Glaubensüberzeugungen, die mit meinem Leben etwas zu tun haben könnten. Dieser Zusammenhang zwischen Glauben und Leben wird vom Zweifel beleuchtet. Hinterfragt. Ernst genommen. Abgewägt.

Der Jünger Thomas, der nach Ostern nicht das Glück hatte, dabei zu sein, als Jesus in die Runde seiner Jünger trat, jener Thomas, der Zweifel an ihren Erzählungen anmeldete und deshalb bis heute „der Ungläubige“ genannt wird, dieser Thomas hatte dann das Glück, dass Jesus ihm auf ganz besondere Weise gegenübertrat. Er durfte schließlich als einziger seine Finger in Jesu Wunden legen. Eine große Glaubenshilfe! „Selig ist, wer nicht sieht und trotzdem glaubt“, sagt Jesus, aber dem Thomas, der sich damit schwer tut, gibt er solch eine Hilfe. Ich glaube, das meint der kleine Anstecker: „Staunen“: Einen Zugang zum Glauben, der sich nicht an Widersprüchen zur Realität, zu Wissenschaft und Erfahrung aufreibt, sondern der einfach staunt. Und ich glaube, wer sich das traut, der Welt staunend zu begegnen, wird – bei allem Zweifel – auch im Glauben stärker.

 

Ich grüße Sie herzlich,

Ihr Pfarrer Freimut Lüdeking