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Angedacht

 

 

Siegmund, der Neue in der Klasse, hatte es schwer. Er war nicht cool, hatte unmoderne Klamotten an und trug dann auch noch so einen altmodischen Namen! Immer mehr wurde er ins Abseits gedrängt. Charlie, der Anführer der Jungs-Clique, machte seine Witze über ihn und seine drei Lakaien, die an Charlies Lippen hingen, setzten immer noch einen dumpfen Spruch nach. Die anderen in der Klasse schauten weg, sie wollten nicht bei Charlie in Ungnade fallen. Bis es Marlene nicht mehr aushielt. Vor der ganzen Klasse stellte sie Charlie zur Rede, wie feige er ist, dass er nur seine Machtposition ausnutzt, und wie billig es ist, einen Schwächeren fertig zu machen, um dann von seinen grinsenden Fans Applaus zu bekommen.

Das war total mutig von Marlene, schließlich hatte sie in der Klasse auch keinen hohen Rang. Aber es zeigte Wirkung: Ein

paar Tage dauerte es noch, bis Charlie von Siegmund abließ (schließlich musste er ja sein Gesicht wahren). Dann traute

sich Benny, Siegmund anzusprechen, ob sie zusammen mit den Fahrrädern nach Hause fahren wollen, sie wohnten doch in derselben Straße…

Solidarität – das ist ein großes Wort. „Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen“, sagt die Bibel im

Monatsspruch dazu ganz konkret. Genau hinschauen, den Mund aufmachen und auch die Konsequenzen ertragen – das ist eine Lebensaufgabe. Damit ist nicht das mehr oder weniger lautstarke Schlagen in die eine oder andere politische Kerbe gemeint, auch nicht das Polemisieren gegen alle, die zurzeit Fehler machen. Vielmehr geht es um Zivilcourage und Aufrichtigkeit, die alles andere als bequem sein kann. Ich weiß nicht, ob ich so stark gewesen wäre wie Marlene. Aber ich will

beten, dass ich zur rechten Zeit das rechte Wort finden werde.

Herzlich grüßt Sie und Euch

Pfarrer Freimut Lüdeking